
Anlässlich des albanischen Nationalfeiertags sind am Donnerstagabend (29.11.) rund 350 Fahrzeuge hupend und mit wehenden albanischen Nationalflaggen um die Dortmunder Wälle gefahren. Irgendwann reichte es der Polizei Dortmund, sie leitete den Verkehr ab. Die meisten Fahrzeuge hätten keine Kennzeichen aus Dortmund gehabt, teilte eine Polizeisprecherin mit. Aber warum ist Dortmund so ein Anziehungspunkt für Menschen mit albanischen Wurzeln?
Der Dortmunder Agim Jusufi hat selbst albanische Wurzeln und ist als Geschäftsführer des albanischen Fußballvereins KF Sharri in der albanischen Community vernetzt. Er erklärt sich die vielen Fahrzeuge mit einem relativ hohen Anteil ethnischer Albanerinnen und Albaner in Dortmund und seinem Umkreis.
„Dortmund ist als große Stadt für Albaner aus kleineren Nachbarstädten ein Anzugpunkt. Wenn man als junger Mensch zum Nationalfeiertag mit seinem Auto herumfahren will, macht es natürlich mehr Spaß, das mit vielen anderen auf dem Wall zu tun als zu zehnt in Bergkamen“, sagt der 48-Jährige.
Große Bedeutung für Albaner
Der Nationalfeiertag habe auch für Albanerinnen und Albaner, die in Deutschland leben, eine große Bedeutung. „Jeder, der sich als Albaner fühlt, ist emotional berührt“, sagt Agim Jusufi. Der 48-Jährige selbst kommt aus Nordmazedonien, das mit rund 25 Prozent einen hohen Anteil ethnischer Albaner an der Bevölkerung aufweist.

„Albanien ist das Mutterland für die Albaner in anderen Ländern. Deshalb ist der Nationalfeiertag auch für uns in Dortmund mit Stolz verbunden“, sagt Agim Jusufi. „Es gibt den Menschen Halt. Am 28. November feiern wir die Geburt unserer Nation.“
Der albanische Nationalfeiertag erinnert an die albanische Unabhängigkeitserklärung vom Osmanischen Reich am 28. November 1912.
Dr. Konrad Clewing, Historiker und Balkanexperte am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg, bezeichnet die Situation für die Albaner auf dem Balkan als damals „dramatisch“.
„Es herrscht Volksfestcharakter“
Der erste Balkankrieg habe getobt. Die zuvor allesamt im Osmanischen Reich gelegenen albanischen Siedlungsgebiete seien fast ganz von Truppen der drei Nachbarländer Montenegro, Serbien und Griechenland besetzt worden. „Das war eine sehr kritische Situation für die Albaner. Die Nachbarländer hatten wenig Lust, auf das albanische Volk Rücksicht zu nehmen“, sagt Konrad Clewing.

In dieser Lage riefen die Albaner die Unabhängigkeit aus. Die Anerkennung der europäischen Großmächte folgte kurz darauf, beschränkte den neuen Staat aber auf ein relativ kleines Gebiet. Es ist das albanische Staatsgebiet, das bis heute fast unverändert fortbesteht.
„In Albanien hat der Tag eine große, bei Albanern in anderen Balkanländern aber sogar noch eine größere Bedeutung“, sagt Clewing. In Kosovo etwa, in dem 90 Prozent der Bevölkerung ethnische Albaner sind, sei der Tag kein offizieller Feiertag, sondern ein Gedenktag, der aber wie einer der Hauptfeiertage begangen werde. „Es herrscht Volksfestcharakter auf den Straßen.“
Teils würden Behörden geschlossen bleiben, sagt der Experte. „Für die Albaner in Nordmazedonien und im Kosovo ist der Nationalfeiertag der unmittelbare Identifikationstag fürs Albanischsein.“ Das gelte auch für Albaner in der deutschen Diaspora.
„Albanische Identität demonstrieren“
„Die wenigsten Albaner, die in Deutschland leben, kommen aus Albanien, sondern vor allem aus dem Kosovo oder Nordmazedonien. Für sie wiederum ist es wichtig, sich selbst zu definieren und ihre albanische Identität zu demonstrieren“, sagt Clewing. Das Ruhrgebiet sei wegen bestehender Netzwerke, Arbeitsplätze und verhältnismäßig günstigem Wohnraum für Zuwanderer aus Südosteuropa attraktiv. Deshalb gebe es hier eine relativ große Community.
Bei Aktionen wie in Dortmund gehe es darum, sich seiner albanischen Identität zu vergewissern, aber gleichzeitig auch nach außen zu präsentieren: Uns gibt es auch, erklärt Clewing. „Dies ist kein Phänomen, dass man nur bei Albanern in Deutschland beobachten kann, sondern weltweit ein häufiges Verhalten von größeren Zuwanderergruppen, die im Alltag wenig beachtet werden.“

Ob solche Feierlichkeiten wie auf dem Dortmunder Wall nun notwendig seien, davon ist Agim Jusufi eher weniger überzeugt. „Das ist dann doch eher bei Jüngeren verbreitet, die ohnehin Spaß daran haben, mit ihrem Auto herumzufahren“, sagt der 48-Jährige. „Sich bei der Fahrt aus dem Fenster zu lehnen, kann aber natürlich auch gefährlich werden.
Klassischerweise beglückwünsche man sich am albanischen Nationalfeiertag und feiere in der Familie. Da er in diesem Jahr auf einen Donnerstag gefallen war, werde man das am Wochenende nachholen, sagt Agim Jusufi. Dafür werden teils auch Säle angemietet. „Es wird zusammen gegessen, gesungen und getanzt.“




Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel erschien ursprünglich am 29. November 2024.